Die Literarische Tätigkeiten der Mechitharisten






Sprachliche Erneuerung
Anfang des 18. Jhdts. war die altarmenische Sprache, noch immer die alleinige Schriftsprache, nicht nur stark von fremden Sprachen beeinflußt, sondern auch durch den allgemeinen Bildungsverfall ganz entstellt worden.
Eine geordnete, grammatisch richtige und klare Sprache war aber Voraussetzung für erfolgreiche geistige Entwicklung und Bildung. Die Umgangs- oder neue armenische Sprache hatte sich noch nicht zur Schriftsprache entwickelt und war noch stark mit fremden Wörtern durchsetzt. Deshalb das Gebot der Stunde: Rückkehr zum klassischen Altarmenisch.
Mechithar hatte selber eine altarmenische Grammatik, wie auch das erste armenische Wörterbuch verfaßt.
Später verfaßten die Mechitharisten-Patres (Tschamtschian, Avetikian, Tschalekhian, Bagratuni) neue, immer verbessertere Grammatiken. 1836-37 erschien in Zusammenarbeit der Patres Awetikian, Sürmelian und Awgerian, das monumentale Werk: „Das neue Wörterbuch der armenischen Sprache.”
Gleichzeitig bemühten sich die Mechitharisten-Patres in allen ihren Schriften die Sprache sorgfältig zu erneuern.
Den entscheidenden Schritt machten aber junge Patres, allen voran P Joseph Katerdjian, in Wien. Mit kritischem Geist und in eifrigen Studien entdeckten sie die klassische altarmenische Sprache in ihrer reinen Form und ihrem vollen Glanz, bestimmten den Zeitabschnitt, in dem sie als lebende Sprache verwendet worden war, nämlich die erste Hälfte des 5. Jhdts., und nannten ihn goldene Epoche der armenischen Sprache. Wenn auch diese klassische Sprache nicht mehr lange als Schriftsprache gebraucht wurde, ist diese Entdeckung von großer Bedeutung für die Armenologie, besonders für textkritische Untersuchungen.
Herausgabe Altarmenischer Literatur
Schon Mechithar begann mit der Herausgabe praktischer altarmenischer Schriften, um den dringenden Bedarf an Literatur zu decken. Im Laufe der Zeit haben die Mechitharisten, trotz großer finanzieller Schwierigkeiten, in systematischer Arbeit; zahlreiche Schriften veröffentlicht. Diese beinhalten die ununterbrochene Reihe der armenischen Geschichtsschreibung, philosophisch-theologische Themen und Werke berühmter Autoren von der heidnischen und christlichen Welt.
Später folgten auch kritisch-wissenschaftliche Studien zur armenischen Geschichte.
Übersetzung Klassischer Weltliteratur
Um bei der Öffentlichkeit Geschmack an der schönen Literatur zu erwecken, haben die Mechitharisten-Patres eine ganze Reihe bekannter Werke aus der Weltliteratur ins Armenische übersetzt. Es sind Werke altgriechischer, lateinischer, italienischer, französischer, deutscher und englischer Klassiker. Unter den Übersetzern sind besonders zu erwähnen: P A. Bagratuni und Erzbischof Hürmüz.
Förderung der Neuarmenischen Sprache
Mechithar hatte bereits neben der altarmenischen auch eine neuarmenische Grammatik verfaßt, wie auch einen Katechismus in neuarmenischer Sprache. Nachfolger hatten lange Zeit das Neuarmenische vernachlässigt, aber nicht ohne Grund.
1799 veröffentlichte P L. Indjidjian die „Jahreschronik“, die erste Zeitschrift in neuarmenischer Sprache, die er später unter anderem Namen bis 1820 fortsetzte.
In der ersten Hälfte des 19. Jhdts. erschienen in Wien und Venedig viele Schulbücher, manche in Alt-, andere in Neuarmenisch. 1843 wurden in Venedig die Monatsschrift „Bazmavep“, und 1847 in Wien die Wochenschrift „Europa“, beide in neuarmenischer Sprache veröffentlicht. Diese Schriften haben viel zur Entwicklung der Neuarmenischen beigetragen.
Eine entscheidende Rolle spielte dabei „Die Kritische Neuarmenische Grammatik“ (1866) von P Arsen Aydinian. Dank dieser Studie von P Aydinian setzte sich das Neuarmenische als Schriftsprache durch.
Armenologisch-Philologische Tätigkeit
Die größten Verdienste erwarb sich die Mechitharisten-Congregation durch ihre philologische Tätigkeit. Diese umfaßt alle Bereiche der Armenologie: Sprache, Geschichte, Geographie, Archäologie, Kirchengeschichte, Literaturgeschichte, Architektur, Wissenschaft und Kunst.
Noch im 18. Jhdt. veröffentlichte P M. Tschamtschian sein umfangreiches, dreibändiges Werk „Die Geschichte der Armenier”. Mit der Geographie Armeniens beschäftigte sich P L. Indjidjian„ Detaillierte Beschreibung Altarmeniens” und „Altertumskunde Armeniens“ sind seine bedeutenden Schriften. Die unzähligen Studien von P. Levon Alischan umfassen fast alle Disziplinen der Armenologie.
Die erwähnten Werke waren verständlicherweise noch im naiven Glauben an die Traditionen gebunden. Mitte des 19. Jhdts. erwachte aber in Wien der kritische Geist, der durch die Entdeckung des klassischen Armenisch noch verstärkt wurde. Mit diesem kritischen Geist untersuchte P J. Katerdjian die armenische Geschichte und in seiner dreibändigen „Weltgeschichte“ behandelte er als erster auch die armenische Geschichte innerhalb der Weltgeschichte.
Eine intensive philologische Tätigkeit setzte mit der Zeitschrift „Handes Amsorya“ 1887, -in Wien ein. Auch die Zeitschrift „Bazmavep“, die schon seit 1843 in Venedig veröffentlicht wurde, angespornt von Handes Amsorya, entwickelte sich mehr und mehr in philologischer Richtung. Beide Zeitschriften, die auch heute erscheinen, haben großartige Leistungen in diesem Bereich gebracht.
Schon 1906 drückt der deutsche Armenist Franz Nik. Fink seine Bewunderung über diese Leistung der Mechitharisten aus: „Eine gewaltige philologische Tätigkeit ergriff Platz, und Europa erhielt jetzt erst einen tiefen Einblick in das Leben des armenischen Geistes, wurde jetzt erst in den Stand gesetzt, den Reichtum seiner literarischen Schätze zu übersehen. Geschichtsschreibung, Altertumskunde, Geographie, Grammatik, Lexikographie und Literaturgeschichte wurden rührig, ja, mit bahnbrechender Energie betrieben, und die in den Handschriften geborgenen Werke der Vergangenheit wurden der Welt zugänglich gemacht. In dieser Philologentätigkeit liegt der Mechitharisten unbestreitbarer, dauernder Verdienst (Die Armenische Literatur, 1906).
Auch die gesamte armenische Intelligenz, ohne Unterschied der Weltanschauung, hat zu jeder Zeit, die gleiche Bewunderung und Anerkennung den beiden MechitharistenCongregationen in Wien und Venedig, als armenischen Kulturinstituten, gezollt.
Wir wollen hier einen armenischen Schriftsteller zitieren: „Die Mechitharisten, beeinflußt unmittelbar vom griechischen und lateinischem Geiste, haben in alle Zweige der Wissenschaft Licht und Ordnung gebracht. Mit der Abzweigung des Hauses Mechithars wurde auch die Tätigkeit abgezweigt: die Mechitharisten von Venedig setzten fort auf demselben Wege, die schöngeistige literarische Tätigkeit zu entfalten, und die Mechitharisten von Wien, durchdrungen vom Einfluß der deutschen Atmosphäre, haben in die historischen, linguistischen, archäologischen Studien jene wissenschaftliche Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit gelegt, wie es ein europäischer Gelehrter tun würde. (Arschak Tschobanian, Porträts, 1924).
Jugenderziehung
Die Erziehung der Jugend ist eine der wichtigen Aufgaben der Mechitharisten. Die erste Schule ist bereits zu Lebzeiten Mechithars 1746 in Paschpalow (Siebenbürgen) entstanden. In der Folge wurden 54 Mechitharisten-Schulen in verschiedenen Ländern, für armenische Kinder, gegründet. Die Lebensdauer dieser Schulen hing selbstverständlich immer vom Bestehen der jeweiligen armenischen Gemeinden ab. Die Mechitharisten-Schulen wurden immer und überall hochgeschätzt. Hier möchten wir ein einziges Zitat anführen. Der Stadtschulrat von Plovdiv (Bulgarien) bezeichnete (1932) die Mechitharisten-Schule als „Einzig an Geist und Tiefe auf der Balkanhalbinsel”. Eine lange Reihe prominenter Intellektueller, die das geistige Leben des armenischen Volkes weltweit beeinflußten, gingen aus diesen Schulen hervor. Durch diese Schulen hat die MechitharistenCongregation dem armenischen Volk und dem Orient auch deutsche, bzw. italienische Sprache und Kultur vermittelt.
Anlässlich der Hundertjahrfeier der Mechitharisten-Schule in Istanbul (1925) bezeichnete deshalb Prälat Dr. Ignaz Seipl die Mechitharisten als „die ersten Pioniere österreichischer Kultur im Orient“.
Neben Schultätigkeit haben die Mechitharisten bereits in der ersten Hälfte des 19.Jhdts eine Reihe sehr gute, für damalige armenische Verhältnisse einzigartige Schulbücher, veröffentlicht.