Stickerei







Armenische Historiker berichten im 5. und 6. Jahrhundert, daß die heimische Stickkunst weithin großen Ruhm genieße: ausgeführt von Frauen und Mädchen, die sich im Rahmen der Großfamilien während der langen Winterabende zu Handarbeitsrunden zusammenschlossen.
Innerhalb der lokalen gesellschaftlichen Ordnung kam der Frau seit jeher eine geehrte und geschätzte Stellung im Familienverband zu – prägte sie doch durch ihr Wesen, ihre seelische Bildung und die Pflege weiblicher Tugenden selbstbewußt eine Heimkultur. Sie sorgte für ihre eigene Bekleidung und die ihrer Angehörigen sowie für die gesamte textile Ausstattung des Hauses.

Mädchen wurden daher bereits früh auf eine hausfrauliche Lebensweise vorbereitet und erlernten im Kindesalter das Spinnen, Weben, Nähen, Knüpfen, Stricken, Häkeln und Sticken.

Um den Erzeugnissen neben ihrer praktischen Funktion ideele und eine persönliche Note zu verleihen, wurde das Brautgut aufwendig mit Stickereien verziert: Bettwäsche, Bettdecken, Tischtücher, Handtücher, Taschentücher; Schleier, Kopfbedeckungen, Kleider, Schürzen, Gürtel bezeugten sowohl den Fleiß eines Mädchens, als auch den Grad der Wohlhabenheit ihrer Familie.
Auf Leinen-, Seiden-, Baumwoll-, woll- oder Samtgrund wurden die Motive im Kettstich, Doppel vorstich, Plattstich, Perlstich, Stielstich, Schrägstich, Knopflochstich ausgeführt. Als typische Besonderheit übte man vor allem die Stichumschlingungstechnik, die noch gegenwärtig von armenischen Frauen bevorzugt angewendet wird.

Beliebte Lehr und Musterstücke zugleich waren in erster Linie Gürteltücher (als Ergänzung der Kleidung) sowie Handtücher aus zartem, durchscheinenden Leinen. Mädchen fertigten sie als Teil ihrer Aussteuer und sehr häufig als Braut- oder Geburtstagsgeschenke. Nur wenige der zahlreich erhalten gebliebenen Tücher (vornehmlich aus dem 19.Jahrhundert) tragen Widmungsinschriften oder Daten: man maß ihnen nicht all zugroße Bedeutung bei, auch wenn bisweilen die Verwendung von geschmeidigen Gold-, Silber-, Kupfer- oder Metallfäden einen festlichen Bestimmungszweck unterstreichen sollte und die Wirkung von Seidenfäden in milden Farben (rosa, orange, mittelblau, hautfarben, himmelblau) effektvoll unterstrich.

Die jugendlichen Stickerinnen übten zunächst die altüberlieferten Muster: archaische Motive wie Sonnenrad, Rosette, Lebensbaum, Swastika, Weinreben oder stilisierte pflanzliche und tierische Muster, verschiedene Formen des Kreuzzeichens und geometrische Zierleisten. Mit zunehmender Fertigkeit kamen auch Anregungen aus dem eigenen Leben und der persönlichen Umwelt dazu.

In der heutigen Analyse und Einschätzung dieser Arbeiten ist neben dem Stichbild die Symbolik der verwendeten Farben sowie das Stichmuster interessant: für die kulturhistorische und stilistische Deutung bietet es dem Ethnologen Einblick in bodenständige Ausdrucksformen.
Wie in allen Bereichen der Angewandten Kunst zu beobachten ist, weisen auch Stickarbeiten regionale Charakteristika auf. Hauptsächlich unterscheidet man Werke aus Wan, dem Räume Karin, der Provinz Schirak, Siunik-Arzach, dem Ararat-Tal, Kilikien und den armenischen Gemeinden von Tiflis, Konstantinopel, Bursa, Trapezunt.

Die traditionsreiche armenische Stickschule übte einen maßgeblichen Einfluß auf die in das Land vordringenden Türken aus und blieb in Kleinasien bis ins 20. Jahrhundert hochgeschätzt. Heute werden die einzelnen Techniken und alle lokalen Besonderheiten in der als Fortführung nationalen Erbes im Kunsthandwerk in Schulen, Hobbygruppen oder Jugendvereinigungen gefördert sowie gepflegt.

Das Museum der Mechitharisten-Congregation zeigt in seinen Sammlungen bestickte Kleidung, Kappen, Täschchen; eine große Kollektion Hand- und Gürteltücher. Auch zarte Spitzen und Häkelarbeiten sind ausgestellt (18.-19.Jh.). Im Rahmen der Ausstellungstätigkeit gelangen vor allem auch Neuerwerbungen, Objekte aus Schenkungen und Dauerleihgaben zur Darstellung. Solcherart erfahren heute viele armenische Handarbeiten aus Familienbesitz eine wertvolle Bedeutung als Muster- und Schaustücke – Grundlagen zu umfangreichen Dokumentationen bildend.

(Elisabeth Bauer)