Das Refektorium






Das Refektorium

Nach Vollendung der Ausbauarbeiten im Mechitharistenkloster wurde das Refektorium im Jahre 1839 mit dem großen Wandgemälde Die Speisung der Fünftausend von Ludwig Schnorr von Carolsfeld ausgestattet. Ludwig Schnorr gilt wie sein Bruder Julius als bedeutender Vertreter der künstlerischen Richtung der Nazarener: Anfänglich Schüler seines Vaters Hans Veit Schnorr von Carolsfeld, studierte Ludwig Schnorr ab 1804 an der Wiener Akademie unter Heinrich Füger, wo er mit den katholischen Kreisen der Wiener Romantik in Berührung kam. Seit 1811 entstand zwischen den Brüdern Ludwig und Julius Schnorr von Carolsfeld und Ferdinand und Friedrich Olivier ein freundschaftlicher Erfahrungsaustausch in der Malerei und man traf sich auch oft mit dem 1812-1815 in Wien weilenden Joseph Anton Koch. 1818, nach dem Tode Heinrich Fügers, bewarb sich Ludwig Schnorr vergeblich um die Professur an der Wiener Akademie, sein Bruder Julius ging daraufhin nach Rom. Große Förderung erfuhr Ludwig Schnorr dagegen von Erzherzog Johann, für den er von 1818 bis 1828 in der Steiermark als Kammermaler tätig war. 1821 konvertierte Ludwig Schnorr unter Einfluß des Dichters Friedrich Schlegel zum Katholizismus. In diesem Jahr begann Moritz von Schwind (1804-1871) bei Ludwig Schnorr zu studieren, er wurde schließlich sein bedeutendster Schüler. Auf Intervention von Erzherzog Johann erfolgte 1835 die Ernennung Ludwig Schnorrs zum Mitglied der Wiener Akademie und schließlich zum Kustos der kaiserlichen Gemäldesammlungen im Belvedere.

Das auf Leinwand gemalte Bild Speisung der Fünftausend nimmt die gesamte Breite des Refektoriums im Mechitharistenkloster (6,05 m) ein und folgt in seiner oberen Begrenzung dem Verlauf des Korbbogengewölbes. Die Darstellung der Szene stützt sich auf die Evangelientexte der Ersten Brotvermehrung nach Matthäus 14,13-21, Markus 6, 31-34, Lukas 9, 10-17  und Johannes 6, 1-15  Unter einem heiteren bis leicht bewölkten Himmel erstreckt sich ein weites Landschaftspanorama, dessen Horizont knapp oberhalb der Bildmitte liegt. Im Hintergrund des Landschaftsausblicks sieht man in der Bildmitte den bei Johannes genannten See von Tiberias, über den Jesus mit den Jüngern an den bezeichneten Ort gekommen war. Im Mittelpunkt steht Jesus auf der Anhöhe des Berges, den sie gemeinsam bestiegen hatten. Er blickt zum Himmel empor, wie Matthäus, Markus und Lukas übereinstimmend berichten, und hebt mit beiden Händen, wie im Gebetsgestus, je eines der Brote empor. Links von Jesus steht der vom Evangelisten Johannes erwähnte Knabe, der auf einer flachen Schale die zwei Fische bringt. Rechts von Jesus kniet Petrus, der ihm zwei weitere Brote darreicht. Die Szene ist jedoch nicht auf den Moment der Segnung der Speisen durch Jesus beschränkt. In der Augenblicklichkeit des Wunders sind auch schon die Folgeereignisse zugleich mit ins Bild gebracht. Als erste sind es die Kinder, die bereits in den Genuß der vermehrten Speisen kommen: Rechts neben dem knienden, die Brote überreichenden Apostel sitzt ein Kind, welches bereits herzhaft in ein Brot beißt, das es mit beiden Händen hält. Die Mutter, die das Kind mit beschützender Geste umfängt, blickt mit dem Ausdruck staunender Bewunderung auf Jesus. Links neben dem die Fische herbeibringenden Knaben sitzt ein anderer kleiner junge, der bereits ein Brot in Händen hält, und einem daneben niedergesunkenen, vom Hunger erschöpften Alten mit einer auf Jesus hinweisenden Geste das wunderbare Geschehen beschreibt. Im Schatten rechts im Vordergrund sitzt ein junger Vater, der schon ein Brot erhalten hat, das er mit erklärendem Gestus seinem an ihn geschmiegten Töchterchen reicht. Auch das am Bildrand im Vordergrund hingelagerte Mädchen – es verkörpert in der Bildregie eine Repoussoirfigur, die Tiefenraum schafft – hält bereits eine Speisengabe, wohl ein Stück Fisch, in der Hand. Nach allen Seiten hin teilen die rings um Jesus versammelten Apostel aus: Rechts beugt sich der Apostel Jakobus maior zu einem knieenden Alten, dem er ein Brot reicht. Links verteilt Philippus mit beiden Händen Brote, wobei von einem der im Gedränge verdeckten Empfänger nur die ausgestreckte Hand zu sehen ist. Noch weiter links ist Apostel Simon frontal dargestellt, der in der rechten Hand ein Brot und in der Linken einen Korb trägt. Wenig später würden diese Körbe dann beim Aufsammeln der übriggebliebenen Stücke eine Rolle spielen. Ein einziger der Apostel sitzt scheinbar unbeteiligt und leicht geduckt in der Szene und hält verkrampft seinen Geldbeutel: Es ist Judas Ischariot, der unter den Aposteln die Funktion des Geldverwalters innehat und über das gerade zuvor erfolgte Gespräch zwischen Jesus und Philippus über die zweihundert Denare nachdenkt.

Bildkomposition und inhaltlicher Ausdruck des wunderbaren Vorganges sind aufeinander sorgsam abgestimmt. Die Figurengruppe rund um Jesus bildet das Zentrum des Geschehens. Von seinem Segensspruch geht die Kraft aus, die in der nächsten Umgebung sogleich zur reichlichen Brotvermehrung und Verteilung der Lebensmittel führt. Von diesem Kraftfeld scheint die Wirkung gleichsam wellenförmig in alle Richtungen bis zum Hintergrund auszustahlen, wo die Fünftausend in Gruppen bis ans Seeufer gelagert sind. Da und dort ist an der Haltung einzelner der perspektivisch verkleinerten Figuren zu sehen, wie sie bereits Speisen zum Mund führen, also auch soeben in den Genuß des Brotvermehrungswunders gekommen waren. Viele der Dargestellten scheinen untereinander das Ereignis lebhaft zu diskutieren, andere sind in stummes Beten und dankbares Händefalten versunken.

So wie in den Werken seines Bruders Julius Schnorr von Carolsfeld wurde auch von Ludwig Schnorr bei seiner Speisung der Fünftausend das dramaturgische Kompositionsprinzip der Gruppenbildung eingesetzt. Ludwig Schnorrs Bilderzählung erscheint als typisches religiöses Historienbild. Es begnügt sich nicht mit dem Herausgreifen einer Momentaufnahme aus den Evangelienberichten sondern sucht die ganze Fülle der Überlieferung des Ereignisses zu erfassen und auszudrücken. Das Wunderbare an dem Vorgang wird durch die dargestellte Gleichzeitigkeit des ausschlaggebenden Segensgebetes Jesu und der unmittelbar einsetzenden Wirkung, somit in einer scheinbaren Aufhebung des Zeitfaktors, ausgedrückt. Von zentraler Bedeutung war in der Malerei der Nazarener jedenfalls der emotionale Anspruch an den Betrachter, der zum gefühlsintensiven Mit- und Nacherleben der dargestellten Szene aufgefordert werden sollte.

Am 8. August 1839 schreibt Ludwig Schnorr an seinen Bruder Julius: Gestern habe ich mein großes Gemälde „die Speisung der 5000 Mann“ vollendet, woran ich beinahe ein Jahr, besonders in letzter Zeit mit großer Anstrengung gearbeitet habe. Das Bild hat gegen 20 Sch[uh] Länge und über 15 Sch[uh] in der Höhe. Obwohl ein Oehlgemälde, machte ich es gleich an dem ihm bestimmten Platz im Refectorium der orienth. geistl. Congregation der armenischen Mechitharisten. Obgleich die Arbeit nur sehr kärglich bezahlt werden konnte, so war mir doch die Gelegenheit sehr erwünscht, wieder etwas von dieser Größe zu unternehmen: denn es ist wohl das einzige Werk in Wien von solcher Größe“. Im November 1839 besuchten das Kaiserpaar, die Kaiserin Mutter und Erzherzogin Sophie das Mechitharistenkloster, um das neue Gemälde zu besichtigen.

Ohne Zweifel ist das Gemälde Ludwig Schnorrs von Carolsfeld im Refektorium des Wiener Mechitharistenklosters nicht nur eines der flächengrößten, sondern auch eines der bedeutendsten Werke der Stilrichtung der Nazarener in der Wiener Malerei des 19. Jahrhunderts, im Rang vergleichbar mit den Fresken der Casa Bartholdy in Rom und in der Münchener Residenz. Mit diesem Kunstwerk endete die Bau- und Ausstattungsgeschichte des Mechitharistenklosters genau im Wirkungsfeld jener Gesinnung, die mit den Plänen des jungen, idealistischen Carl Roesner am Anfang des Projektes gestanden war – der romantischen Bewegung einer religiösen Erneuerung des Katholizismus im Umkreis von Clemens Maria Hofbauer, des großen, tatkräftigen Förderers der Wiener Mechitharisten.

(Mario Schwarz)