Die Mechitharisten und die Volkskunst Armeniens






In der Jahrtausende zurückreichenden Kulturgeschichte Armeniens nimmt die Angewandte Kunst eine wichtige Stelle ein. Ergebnisse von Ausgrabungen belegen, daß die Entwicklung und Pflege einer Reihe von Handwerkszweigen schon seit frühesten Zeiten betrieben wurde. Metallurgie und Töpferei lassen sich bis ins fünfte Jahrtausend v.Chr. zurückverfolgen; älteste Reste von Textilien stammen aus Gräbern, die vor dreieinhalb Jahrtausenden angelegt worden waren.

Aus dieser Zeit ist auch bereits die Gründung von Handwerksstätten nachweisbar. Im urartäischen Reich, der ersten Staatenbildung auf dem Territorium Armeniens (9.6.Jh.v.Chr.), fanden die Produkte der metallverarbeitenden Betriebe, Töpfereien und Webereien einen bedeutenden Absatz in den Nachbarländern und im Mittelmeerraum; fraglos haben sie auf Erzeugnisse in den Importländern richtungsweisende Einflüsse ausgeübt.

Parallel zur frühen Entwicklung der spezialisierten Handwerksbetriebe gilt auch der Tradition häuslicher Pflege der Volkskunst große Aufmerksamkeit. Ihr kommt durch den individuellen Ausdruck bei gleichzeitigem Festhalten an altüberlieferten Ornamenten (deren Wurzeln im mythischen Gedankengut, im heidnischen Fruchtbarkeitskult und einer animistisehen Naturauffassung liegen) besondere Bedeutung zu. In diesem Zusammenhang steht vor allem die Herstellung textiler Kostbarkeiten wie Stickereien, aufwendig verzierte Webteppiche und Knüpfarbeiten im Brennpunkt des Interesses, da diese Fertigkeiten in nahezu jedem patriarchalisch geführten größeren Familienverband von den Frauen mit Ehrgeiz und Sorgfalt geübt wurden.

Vom völkerkundlichen Standpunkt aus betrachtet, sind derartige Arbeiten – zum eigenen Gebrauch oder zur Verschönerung des Heims bestimmt – wegen ihrer Traditionsbezogenheit sehr aufschlußreich. Der ursprüngliche Charakter des Volkes, die religiöse Überzeugung und Geschichte sind aus den Ornamenten lesbar, die eine klare Unterscheidung von Erzeugnissen anderer ethnischer Gruppen erlauben.

Sie beweisen zudem das Fortbestehen armenischer Lebensart auch nach den Invasionen fremder Völker und zugleich die impulsgebende Rolle für deren Absorption bodenständiger Kunst.

Erhalten gebliebenes des 17. bis 19. Jahrhunderts aus allen Bereichen der Volkskunst, seien es nun Trachten, gold- und Silberschmiedearbeiten, keramische Objekte, Stickereien, Spitzen, Knüpf- oder Webteppiche, sind wertvolle Dokumente nachklingender alter armenischer Traditionen.

Durch die politische Entwicklung verschlechterten sich in großen Teilen des einstigen Armenien die Bedingungen für eine kontinuierliche Weiterführung der Volkskunst erheblich. Das Wiederaufleben der überlieferten Werte, der Anschluß an die alte Kultur jedoch konnte im verbliebenen östlichsten Landesteil gesichert werden. Das heutige Armenien zeigt beispielhafte Förderung nationalen Erbes mit dem Hintergrund wissenschaftlicher Forschungsarbeit.

Historische und ethnographische Museen gewähren anhand reicher Objektbestände Einblick in die Chronologie handwerklicher Fertigkeit, während Fachpublikationen der Akademie der Wissenschaften Armeniens interessantes Material über die jeweiligen Exponate erbringen.
In Europa bietet das Museum der Mechitharisten-Congregation Wien mit seinen Sammlungen von ethnographischen Objekten Armeniens die wohl beste Möglichkeit, Einblick in die Volkskunst dieses Landes und in ihre Verbreitung zu nehmen. Seit ihrer Niederlassung in Wien im Jahre 1811 bemühten sich die Mitglieder der Kongregation, armenische Kulturgüter durch Erwerbungen oder die Übernahme von Schenkungen wie auch Dauerleihgaben der Nachwelt zu bewahren.

Didaktisch eindrucksvoll illustrieren die Exponate heute – sorgfältig restauriert, katalogisiert, wissenschaftlich bearbeitet und beschrieben – handwerkliche Fertigkeiten und traditionelle Volkskunst aus allen Gebieten des historischen Armenien, Kilikien sowie den großen armenischen Gemeinden außerhalb der eigentlichen Landesgrenzen.

(Elisabeth Bauer)