Die Armenische Handschriften






Die Wiener Mechitharisten-Congregation bewahrt die viertgrößte Sammlung armenischer Handschriften auf der Welt auf; von den etwa 28.000 Stück liegen etwa 12.000 und etwa 2000 Einzelblätter im Matenadaran Mesrop Mastoc` zu Erevan, über 6000 im Patriarchat zu Jerusalem, 4000 in der Mechitharisten-Congregation zu Venedig und mehr als 2500 in Wien. Die Erfindung der Schrift ist MESROP MASTOC` um 407 zu verdanken, sie enthält 36 Buchstaben zuzüglich zweier in Kilikien. Die Folge entspricht der im griechischen Alphabet; dazwischen sind zusätzliche Buchstaben eingeschoben, um den Lautbestand der armenischen Sprache abzudecken. Die Buchstaben sind eine höchst eigenwillige Erfindung, sie sind aus bestimmten Grundformen entwickelt. Am Anfang war die Heilige Schrift. Sie wurde nach einer verloren gegangenen syrischen Version vorgenommen und dann nach einer griechischen korrigiert. Als älteste armenische Handschrift galt bisher das Lazarian-Evangeliar Erevan Nr. 6200 von 897.

Die Handschriften haben für die armenische Kultur eine unschätzbare Bedeutung. Gleich den koptischen enthalten sie zumeist am Ende den sogenannten Kolophon, eine Nachschrift, welche nach einem durchwegs festen Schema mit dem Lobpreis Gottes als Dank für die vollbrachte Tat beginnt. Dann werden Ort und Datum der Herstellung, Auftraggeber, Schreiber, selten Illuminator, Stifter, Verwandtschaftsbeziehungen, geschichtliche Zusammenhänge genannt, welche oft in Form von Regesten bis in die Neuzeit fortgesetzt werden, Buchbinder, mitunter auch Realien über Fabrikation und Beschaffung von Pergament und Farben, die man sich in Handschriften anderer Kulturkreise, etwa des byzantinischen, sehr wohl wünscht, und die heute im Matenadaran zu Erevan sogar nachproduziert werden.

Die Handschriften sind reich an historischen Informationen; sie dienten dem Historiker Stepanos ORBELIAN als Grundlage für seine Geschichte von Siwnik. Natürlich unterliegen die Kolophone einer gewissen Topik. Häufig sind Klagen des Schreibers über Berufskrankheiten infolge der unbequemen Haltung: über das enge Schreibpult gebeugt, um auf das auf den Knien liegende Pergament bzw. Papier im stets gleich bleibenden Duktus den Text zu schreiben, bis das Augenlicht die Buchstaben nicht mehr erkennen läßt und die gichtgekrümmten Finger den Kalamos nicht mehr zu halten vermögen.

Schenkt man den Quellen, etwa eines KRISTOSATOUR aus der Sarkis-Kirche zu Kafa aus dem 18. Jh., Glauben, vermochte ein Schreiber pro Jahr drei Evangeliare bzw. eine Vollbibel zu produzieren. Wichtig war die Wahl der zu kopierenden Vorlage nach einem alten und verläßlichen Vorbild. Nach solchen wurden bereits geschriebene Handschriften durchkorrigiert, so etwa Erevan cod. 2656 von 1636 nach cod. 2374. Er gleicht einem modernen Schulheft, sodaß man wegen der minderwertigen Leistung des Kopisten den Schreibernamen als nicht erwähnenswert ansah. Zur Authentizität gehört die Genauigkeit der Kopie bis hin zu den Miniaturen.

Wiederholt hat man den Verlauf der Initialen mit einer Nadel durchstochen und so auf die Kopie übertragen, zweifellos eines der skurrilsten Verfahren für die Buchherstellung vor GUTENBERG. In der Zeit vor 1963 sind alle illuminierten Handschriften der Sammlung in der Restaurierwerkstatt der Österreichischen Nationalbibliothek unter der Leitung von Professor O. WÄCHTER mit den Mitteln des Bundesdenkmalamtes restauriert worden. Die Handschriftensammlung gehört nun zu den am besten erhaltenen Klosterbibliotheken Österreichs.

Die Sammlung von Handschriften der Wiener Mechitharisten umfaßt drei Bände: I, Nr. 1-572 von J. DASHIAN; II, Nr. 574-1304 von OSKIAN und III, Nr. 1304-2561 von A. SZEKULA. Der erste Band steht am Anfang des Hauptkatalogs der armenischen Handschriften, hgg. Wiener Mechitharisten-Congregation Bd. I, II. Buch, nach dessen Schema der Bestand sehr vieler Sammlungen, auch vernichteter, in Kleinasien handschriftlich aufgenommen wurde.
Grundstock der Wiener Sammlung sind die 23 Stück aus dem Haus in Triest, hinzu kamen Ankäufe in Konstantinopel, Smyrna und auf der Krim. Unter den Handschriften befinden sich wertvolle Kunstwerke, etwa der cod. 697, der illuminierte Vorspann mit dem eusebianischen Apparat eines der ältesten Evangeliare der Zeitenwende um 1000, das 1910 durch Pater AMRIKIAN aus Erzerum nach Wien gebracht wurde. Der Evangelientext galt lange Zeit als verloren, tauchte vor wenigen Jahren in Los Angeles wieder auf, konnte aber nicht mit dem inzwischen restaurierten vereinigt werden.

Aus dem Umkreis König HETHUMS II. stammen das Evangeliar Nr. 278 und das Missale 1303. Dieses ist eines der wichtigsten der Kreuzfahrerzeit, es enthält die Anaphora in den drei armenischen Versionen, zuzüglich der lateinischen. Der Illuminator hat auch Erevan cod. 979 von 1286 und cod. 7651 ausgeschmückt und gehört zu den größten Künstlern Armeniens. Die Handschrift cod. 543 von 1432 aus dem Antonius-Kloster zu Kafa ist auf Jungfernpergament, d.h. auf dem ungeborener Kälber geschrieben und enthält die Schriften des NERSES SNORHALI. Auch diese Handschrift hat cod. 7651 aus Erevan zum Vorbild. Innovation und Tradition beherrschen die Buchkunst Armeniens und führen beide zu erlesenen Kunstwerken in der ostkirchlichen Kunst.

(Helmut Buschhausen)